Mit damals enormem Aufwand und Geld wurde organisiert und gefördert - nur Mädchen waren ausdrücklich von der Teilnahme am Sport ausgeschlossen! 1951 stieg die Adam Opel AG groß ins deutsche Kinder- und Jugendrenngeschäft ein. Sie gründete eine Organisationszentrale in Rüsselsheim und dehnte ihre Seifenkistenaktivitäten auf das gesamte Bundesgebiet aus. Im gleichen Jahr gab es erstmals einheitliche 'Opel'-Radsätze. Die Firma stiftete einen 'Opel-Preis', der sich sehen lassen konnte. Dem Sieger winkte eine vierzehntägige Reise in die USA. Die ersten drei erhielten 'Ausbildungsbeihilfen' zwischen 500 und 1000 Mark, die allerdings daran gebunden waren , dass der Junge ins 'Ingenieur-Fach' ging. Die ersten zwanzig wurden im roten Opel-Dress in offenen Opel-Limousinen achtzehn Tage lang durch Deutschland gefahren. Rothenburg ob der Tauber, Schloss Neuschwanstein, der Schwarzwald, Heidelberg, der Rhein, das Opel-Werk in Rüsselsheim, die Zentrale des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs, Polizeizentralen oder Flughäfen - man steuerte alle Stationen an, die zur Bildung eines deutschen Jungen für notwendig erachtet wurden. Die öffentliche Aufmerksamkeit war enorm. Das Interesse war so groß, dass man sich um neue Zielgruppen nicht kümmern musste. Bis zuletzt heisst es in den Teilnahmebedingungen der Adam Opel AG ausdrücklich: 'Die Teilnahme von Mädchen, auch als Fahrerinnen außer Konkurrenz, im Interesse einer besonderen Attraktion (sogenannte Amazonenläufe) ist unzulässig.'
Der Automobilkonzern Opel trieb einen Aufwand, der heute aberwitzig erscheint. Für die Veranstalter, also die Motor-Sport-Clubs und die Opel-Händler sowie vielerorts der Allgemeine Deutsche Automobil-Club, gab es ein Handbuch von fast 100 Seiten, in dem alle Einzelheiten über Rennstrecke, Seifenkisten und die damit zu verbindende Werbung aufgeführt waren. Die Seifenkisten-Organisationszentrale beschäftigte und bezahlte Dutzende von Angestellten. In Duisburg, auf dessen Uhlenhorststraße seit 1952 jährlich die deutschen Meisterschaften ausgefahren wurden , belegte man zu diesem Zeitpunkt mit einem großen Organisationsstab das gesamte Hotel 'Duisburger Hof'. Alle 108 Jungen, die sich als Städtesieger für die Meisterschaft qualifiziert hatten, verbrachten eine Woche in Duisburg-Wedau im Sportheim des Westdeutschen Fußballverbandes, und rund um die Uhr kümmerten sich neun 'Jugendbetreuer' um sie. Auf dem Stundenplan standen nicht nur die Vorbereitungen für das Rennen wie die Auslosung der Bahnen und die Inspektion. Täglich um 7.15 Uhr hieß es: Baden im Strandbad. Einen Tag Zoobesuch, einen anderen Hafenrundfahrt, dann der Experimentalvortrag: 'Blick auf den Fortschritt'. Jeden Abend mindestens eine Dreiviertelstunde 'Singrunde'.
Die Eltern hatten sich herauszuhalten. In dieser Woche waren, als wären die Kinder im Sanatorium, lediglich drei Stunden Elternbesuch gestattet und dies zu genau festgelegten Zeiten. Sollte einen der Jungen das Heimweh packen oder würde einer sich verletzen, musste Rotkreuz-Schwester Else helfen,das 'mütterliche Element', wie keine der eigens zu dem Derby herausgebrachten Derby-Zeitungen zu erwähnen vergaß. Jedem Teilnehmer der Bundesmeisterschaft wurden ein 'Normal-' und fein 'Festanzug' überreicht (s. Foto 'Kleiderordnung'). Der Normalanzug umfasste eine kurze schwarze Hose, einen weißen Gürtel, einen gelben Pullover und eine weiße Sportmütze. Zum Festanzug gab es das gelbe Festtagshemd und einen Sturzhelm dazu. Es mussten weiße Socken und weiße Turnschuhe getragen werden, die der Teilnehmer selbst mitzubringen hatte. Selbst die örtlich Polizei, die an der Strcke Dienst tat, wurde neu eingekleidet. 75000 Mark ließ sich die Autofirma das Sponsoring im Jahr kosten. Ein gutes Polster, von dem auch die Vereine nicht schlecht lebten. Zwar flachte die anfängliche Begeisterung der Zuschauer in dem Maße ab, in dem die Zulassung von Personenwagen im Zeichen des 'Wirtschaftswunders' zunahm, doch alles lief weiter wie gehabt bis in das Jahr 1971.
Nach der 23. Deutschen Meisterschaft, wieder in Duisburg, platzte die Bombe. Mitten auf der abendlichen Siegesfeier in der Mercatorhalle, am Ende einer ebenso arbeitsamen wie erfolgreichen Rennwoche, erklärte ein Sprecher der Opel-AG abends um 23.05 Uhr: 'Mit dieser Stunde zieht sich die Firma Adam Opel AG aus dem Seifenkistensport zurück.' Betretenes Schweigen der etwa 300 Versammelten. Jeder wusste, das musste das Ende des deutschen Seifenkistensports sein.